Kurzfilm
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Artist Taxi - der groteske Kurzfilm

Eine Frau steigt ins Taxi. Sie sagt zum Fahrer: "Fahr mich in die Stadt, Mann".

Der Taxifahrer dreht sich um und hält ihr eine Rede. Die Kamera kann während der Rede um das Taxi herumwandern und zeigt nacheinander kaputte Bauten, dann etwas Dschungel mit einem ausgestopften Tiger oder sowas, dann einen schlafenden Penner auf einer Parkbank mit ein paar Plastiktüten, dann vier hochordentlich gekleidete Verwaltungs-Menschen um einen Arbeitstisch mitten auf der Straße, und wieder kaputte Bauten:

"Die Stadt, in der du wohnst, ist dir fremd. Sie wird von fremden Investoren glattgebügelt und sozial ruiniert. Du kannst aber nicht fortfahren aus der Stadt. Sie überzieht alle zivilisierten Bereiche der Erde. Klar kannst du ins Unzivilisierte fahren. Bist du geimpft? Kannst du dich bei Angriff verteidigen? Sprichst du die Landssprache? Hast du genug Geld dabei? Wenn du eine dieser Fragen mit 'Nein' beantwortest, bleib besser in der Stadt. Hier kann sogar ein Penner überleben. Und du bist doch ein halber Penner, nicht wahr? All die Angestellten der Stadt sind Penner. Insbesondere die Stadtverwaltung ist ein getarnter Pennerhaufen. Die Leute sind neidisch aufeinander und unterhaltungssüchtig. Hier passt nichts zusammen. Alle werden verarscht, aber die meisten wurden bisher durchgefüttert."

Die Frau sagt nun: "Fahr mich zur Imbissbude". Er fährt kurz - das ganze ist ja grotesk inszeniert - und steigt dann mit ihr aus. Beide stellen sich an die Imbissbude.

"Einmal Gummiadler mit Blut" wünscht sich der Taxifahrer.

"Mir eine grüne Limonade", sagt die Frau.

Der Mann bekommt ein Hühnchen mit einer kleinen Ketchupflasche daneben. Die Frau einen Orangensaft mit einem kleinen Fläschlein Blue Curacao. Beide gießen synchron den Inhalt ihres Fläschleins aus: Der Taxifahrer sein Ketchup auf das Huhn, so dass es sehr rot wird, und die Frau ihren Blue Curacao in den O-Saft, so dass er grün wird.

"Bringt es uns Nutzen, wenn wir uns einen bunten Abend machen?" fragt der Taxifahrer. "Ja", sagt die Frau, "das hebt uns ab vom völlig leeren Abend".

"Gäbe es besseres zu tun, als rot gemachtes Fleisch und grün gefärbten O-Saft zu trinken?" fragt der Mann.

"Nur auf dem Papier gibt es besseres. In der Wirklichkeit verhalten wir uns gerade optimal", antwortet die Frau.

"Was bitte gibt es denn Besseres auf dem Papier, das du gerade erwähnt hast?" fragt der Mann.

"Die Kurse der Volkshochschule", sagt die Frau.

"Ach so. Ja dann sind wir wohl hier am Ende der Möglichkeiten und Angebote der Zivilisation angelangt", stellt der Mann fest.

"Einzeln ist da nichts weiter zu erreichen für Menschen, die keine Millionäre sind", erklärt die Frau, "aber wir können ja ein Kind zeugen".

"Das wir etwas zeugen, finde ich gut," folgert der Mann. "Aber ich möchte mit dir über das Zeugen nicht hinausgehen. Also so ein Kind, das würde uns doch in dieser Stadt mit Stress zupflastern".

"Ich glaube, mit dir könnte ich verhandeln", stellt die Frau fest.

Die beiden stehen ohne weitere Worte an der Imbissbude, bis der Mann sein Hühnchen gegessen und die Frau ihren Saft getrunken haben. Die Kamera, die zuvor den Dialog gefilmt hat, filmt derweil Einzelheiten des Essens und der Umgebung. Der Essvorgang kann im Zeitfraffer gezeigt werden. Mann und Frau zahlen getrennt ihre Speise und steigen dann, ohne Körperkontakt, ins Taxi - er vorne links ans Lenkrad, sie hinten rechts. Sie fahren los - wieder nur hundert Meter - das ganze ist ja inszeniert.

Da ist ein Gebüsch am Straßenrand. Das Taxi hält so, dass der Verkehr nicht behindert wird. Die beiden steigen wieder aus. Der Taxifahrer verschließt diesesmal sein Taxi, während er es zuvor an der Imbissbude unverschlossen gelassen hatte. Die beiden zwängen sich ins Gebüsch hinein, nacheinander an derselben Stelle, weiterhin ohne Körperkontakt. Sie sind dann hinter dem Laub nicht mehr zu sehen. Die Kamera bleibt stehen.

Ein Text wird gezeigt: "Wir können jetzt stundenlang auf dieses Laub starren und uns vorstellen, was dahinter passiert." Bild und Text verharren nun provozierend lange. Im Zeitraffer kann das Wandern des Tageslichtes über etwa drei Stunden hinweg gezeigt werden. Vielleicht weht ja auch Wind um das Gebüsch, der im Zeitraffer heftig flirrende Blätter erzeugt.

Unvermittelt ist die Frau zu sehen, wie sie zwischen Laub sitzt: "Wenn wir uns in die Büsche schlagen, verlassen wir die Stadt, verlassen wir das Land. Wir erleben ein wenig Abenteuer. Leider müssen wir mal nach zehn Minuten, mal nach fünf Stunden zurück in den Verkehr der Straße. All das Alltägliche lässt sich nur dort erledigen", sagt sie.

Der Mann ist nun zwischen Laub zu sehen und verkündet: "Ich fahre Taxi, weil ich da die Stadt im Blick behalte".

Nun ist aus einer fernen gleich bleibenden Kameraperspektive zu sehen, wie der Mann und die Frau aus dem Gebüsch wieder hervorkommen. Er schließt das Taxi auf und öffnet ihr einladend die hintere Tür. Sie lehnt aber ab, einzusteigen. Er geht um das Taxi herum, steigt ein und fährt davon. Sie läuft zum Straßenrand und winkt dort offenbar zu einem anderen Taxi. Tatsächlich kommt ein Taxi. Kein Fahrer steigt aus. Sie öffnet die hintere Tür, steigt ein, schließt sie. Das Taxi fährt davon.

Die ferne Kameraperspektive bleibt. Ein Text wird gezeigt: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann fahren sie noch heute".

Verfasst von Chris in der Nacht vom 4. auf den 5.12.2013. Fertiggestellt um 6.32 h. Geringfügig korrigiert am 11.5.2020 um 15 h..